Das Pestalozzihaus in der Wielandstraße 27 wurde 1898 als Villa mit Atelier des Biberacher Fotografen Carl Baumann erbaut. Nach 1945 wurde es zu einem Haus der Jugend- und Erwachsenenbildung; zuletzt nutzten unter anderem Musikschule und Volkshochschule das Gebäude mit seinem Saal. 2017 beschloss der Gemeinderat den Abriss nach einer „Restnutzungsdauer", 2018 scheiterte ein Bürgerentscheid für den Erhalt am Zustimmungsquorum – seither steht das Haus ohne klares Nutzungskonzept da. Mit dem 2025 beschlossenen Sanierungsgebiet „Nördliche Innenstadt", in dem für das Pestalozzihaus 1,2 Millionen Euro förderfähige Kosten vorgesehen sind, gibt es nun einen neuen Anlauf.
Wie kam es dazu?
- 1898: Der Fotograf Carl Baumann errichtet das Gebäude als Villa mit Fotoatelier.
- 1938: Die NSDAP-Kreisleitung baut das Haus für ihre Zwecke um und nutzt es als Sitz – dabei geht viel vom Erscheinungsbild des 19. Jahrhunderts verloren. Diese Zeit ist bis heute Teil der Geschichte des Hauses.
- Nach 1945: Auf Initiative der französischen Militärverwaltung wird das Haus der Jugendbildung übergeben. Es beherbergt Diskussions- und Informationsabende, Musikveranstaltungen und eine Leihbücherei; von hier gehen frühe internationale Jugendbegegnungen aus, unter anderem mit Wales. Der Name „Pestalozzihaus" steht für diese Bildungstradition.
- Spätere Jahrzehnte: Die Bruno-Frey-Musikschule nutzt Räume und den angebauten Saal für Unterricht und kleine Konzerte, dazu kommen Volkshochschule und zeitweise Teile der Pflugschule.
- 26. Oktober 2017: Der Gemeinderat beschließt mehrheitlich, das Gebäude nicht zu sanieren, sondern nach einer „Restnutzungsdauer" abzureißen; solange technisch möglich, sollen dort noch Sprach- und Integrationskurse der Volkshochschule stattfinden.
- Winter 2017/18: Das Stadtforum Biberach initiiert ein Bürgerbegehren für Erhalt und Sanierung und sammelt rund 3.800 Unterschriften – deutlich mehr als die erforderlichen 1.840 gültigen. Das Begehren wird für zulässig erklärt.
- 24. Juni 2018: Bürgerentscheid über die Frage „Sind Sie dafür, dass das Pestalozzihaus in der Wielandstraße 27 mit Saal in Biberach erhalten bleibt und saniert wird?". 64,54 % der Abstimmenden (3.809 von 5.912) stimmen mit Ja – das nötige Zustimmungsquorum von 20 % aller 25.716 Abstimmungsberechtigten (5.143 Ja-Stimmen) wird mit 14,81 % jedoch verfehlt. Der Entscheid ist damit ungültig, der Abrissbeschluss von 2017 behält formal Gültigkeit.
- 2018: Parallel entsteht die Initiative „Europahaus Biberach" mit dem Vorschlag, das Haus mit einem Konzept rund um den Europagedanken und die Hausgeschichte weiterzuentwickeln.
- Danach: Als Ersatz für den Saal im Pestalozzihaus plant und beschließt die Stadt einen neuen Vorspielsaal an der Bruno-Frey-Musikschule. Ein Nutzungskonzept für das Pestalozzihaus selbst entsteht nicht.
- 2023/24: In der Diskussion um ein neues Sanierungsgebiet für die nördliche Innenstadt sprechen sich Stimmen im Gemeinderat (u.a. Grüne und SPD) dafür aus, über dieses Instrument auch den Erhalt des Pestalozzihauses zu ermöglichen.
- 22. Mai 2025: Der Gemeinderat beschließt die Sanierungssatzung „Nördliche Innenstadt" (16 Ja, 3 Nein, 7 Enthaltungen). Das Pestalozzihaus ist einbezogen; für seine Modernisierung sind 1,2 Millionen Euro förderfähige Kosten kalkuliert. Die Satzung ist seit 18. Juni 2025 rechtskräftig.
Wie ist der Stand heute?
Rechtlich liegt das Pestalozzihaus heute in einer städtebaulichen Sanierungsmaßnahme nach §§ 136 ff. BauGB: dem Sanierungsgebiet „Nördliche Innenstadt", dessen Satzung der Gemeinderat am 22. Mai 2025 beschlossen hat (rechtskräftig seit 18. Juni 2025, Laufzeit bis 30. April 2032). Das ist kein Bebauungsplanverfahren – eine förmliche Offenlage mit Stellungnahmefrist gibt es hier nicht. Die Aufnahme ins Sanierungsgebiet bedeutet zunächst nur: Für eine Modernisierung des Hauses stünden Städtebaufördermittel bereit (kalkuliert sind 1,2 Millionen Euro förderfähige Kosten; Bund und Land tragen 60 %, die Stadt 40 %).
Was fehlt, ist das Entscheidende: ein Nutzungskonzept. Seit dem gescheiterten Bürgerentscheid 2018 ist öffentlich keine Antwort auf die Frage bekannt, was aus dem Haus werden soll – und damit auch nicht, ob die vorgesehenen Fördermittel je abgerufen werden. (Redaktion: aktuellen Gebäudezustand und derzeitige Nutzung – steht das Haus vollständig leer? – vor Ort bzw. bei der Stadt erfragen)
Welche Fragen bleiben offen?
- Nutzungskonzept: Für die Sanierung sind 1,2 Millionen Euro förderfähige Kosten kalkuliert – aber wofür soll das Haus nach einer Sanierung genutzt werden? Seit 2018 liegen Ideen auf dem Tisch (Kleinkunst, Ausstellungen, Proberäume, ein „Europahaus", ein Erinnerungsort zur NS-Geschichte des Hauses), ein Beschluss zu keiner davon.
- Gilt der Abrissbeschluss von 2017 noch? Der Gemeinderatsbeschluss vom 26. Oktober 2017 (Abriss nach „Restnutzungsdauer") behielt nach dem ungültigen Bürgerentscheid formal Gültigkeit. Ob er durch die Aufnahme ins Sanierungsgebiet aufgehoben oder ersetzt wurde, ist uns nicht bekannt. (Redaktion: im Ratsinformationssystem prüfen, ob der Beschluss von 2017 förmlich aufgehoben wurde)
- Zeitplan: Die Sanierungssatzung läuft bis 30. April 2032. Einen öffentlich genannten Termin, bis wann über die Zukunft des Pestalozzihauses entschieden werden soll, gibt es bislang nicht.
- Denkmalwert: Nach den Presseberichten aus der Zeit des Bürgerentscheids steht das Haus nicht unter förmlichem Denkmalschutz; sein bauhistorischer Wert war gerade deshalb umstritten. (Redaktion: aktuelle Auskunft der unteren Denkmalschutzbehörde bzw. des Landesamts für Denkmalpflege einholen)
- Zustand des Gebäudes: Je länger ein Haus leer steht, desto teurer wird jede spätere Sanierung – ob die Kalkulation von 1,2 Millionen Euro den heutigen Zustand abbildet, ist offen. (Redaktion: Grundlage und Datum der Kostenkalkulation recherchieren)
- Umgang mit der NS-Geschichte: Das Haus war Sitz der NSDAP-Kreisleitung. Wie eine künftige Nutzung mit dieser Geschichte umgeht – etwa durch eine Dokumentation im Haus –, ist Teil der offenen Konzeptfrage.
- Wechselwirkungen im Sanierungsgebiet: Mit dem Baderhaus am Kirchplatz und dem zum Abriss vorgesehenen Steigerlager liegen zwei weitere „Sorgenkinder" im selben Gebiet. Ob die Stadt ihre Kraft auf alle drei Fälle gleichzeitig richten kann, wird sich zeigen.
Warum das für das Stadtbild wichtig ist
Das Pestalozzihaus ist – anders als das Baderhaus – nach unserem Kenntnisstand kein eingetragenes Denkmal. Für uns ändert das wenig: Eine Fotografenvilla von 1898 mit einer Geschichte, die von der Fotografie über die NS-Zeit bis zur Jugend- und Musikbildung der Nachkriegsjahrzehnte reicht, gehört zu den Gebäuden, die das Gedächtnis einer Stadt tragen. Das Baugesetzbuch nennt in § 1 Abs. 6 Nr. 5 BauGB die Belange der Baukultur und erhaltenswerte Gebäude von geschichtlicher Bedeutung ausdrücklich als Abwägungsbelang – unabhängig vom förmlichen Denkmalstatus. Das Stadtforum hat sich 2018 mit dem Bürgerbegehren für den Erhalt eingesetzt; diese Haltung haben wir nicht aufgegeben. Zugleich benennen wir die Grenze ehrlich: Ohne Denkmalstatus gibt es keinen denkmalrechtlichen Hebel – es bleibt der städtebauliche Weg über das Sanierungsgebiet und die öffentliche Diskussion.
Wie kann ich mich einbringen?
Die Sanierungssatzung ist bereits rechtskräftig; ein Beteiligungsverfahren mit Auslegungsfrist wie bei einem Bebauungsplan gibt es hier nicht. Da das Pestalozzihaus zudem in der Verantwortung der Stadt liegt, fällt die Entscheidung über seine Zukunft im Gemeinderat – und damit auf politischem Weg: (Redaktion: Eigentumsverhältnisse formal bestätigen)
- Ratsinformationssystem verfolgen – Vorlagen und Beschlüsse zur Umsetzung des Sanierungsgebiets und zum Pestalozzihaus werden dort veröffentlicht.
- Gemeinderats- und Ausschusssitzungen besuchen – öffentlich, mit Bürgerfragestunde; die Frage nach dem Nutzungskonzept kann dort gestellt werden.
- Fraktionen und Stadtplanungsamt ansprechen – mehrere Fraktionen haben sich 2023/24 für den Erhalt über das Sanierungsgebiet ausgesprochen; Nachfragen halten das Thema auf der Agenda.
- Ideen einbringen – die Konzeptfrage ist offen. Wer Vorschläge für eine tragfähige Nutzung hat, findet über Verein, Fraktionen oder Verwaltung Wege, sie einzubringen.
Wo finde ich die Originalunterlagen?
Die Stadt Biberach informiert unter biberach-riss.de – Sanierungsgebiet Nördliche Innenstadt über Gebiet, Ziele und Fördermittel; die städtische Mitteilung „Sanierungsgebiet mit zwei prominenten Gebäuden" (Juni 2025) nennt die förderfähigen Kosten für das Pestalozzihaus. Der Satzungsbeschluss vom 22.05.2025 sowie der Abrissbeschluss vom 26.10.2017 sind im Ratsinformationssystem der Stadt Biberach dokumentiert. Die Zahlen zum Bürgerentscheid 2018 hat der Verein Mehr Demokratie e.V. dokumentiert. (Redaktion: konkrete Sitzung/TOP ergänzen, sobald recherchiert)
